Gerhard Roth, 1942, österreichischer Philosoph:
Eine Reise zu den Wabenbewohnern
Bienen hatten für mich immer etwas mit dem Gehirn, dem Denken zu tun: Die Bienenstöcke erinnern an den Kopf, die Waben an die grauen Zellen, die Bienen an Wahrnehmungen und Gedanken, und pausenlos und unsichtbar wirkt die Sexualität. Sie beherrscht übrigens das gesamte Bienenvolk, das aus 70'000 Bienen zur Schwarmzeit im Mai und ungefähr 15'000 im Winter besteht.

Schon bald erkannte ich im Universum, in der Sternenwelt des «stockdunklen» Kosmos, den Meteoriten, den Sternenhaufen, Spiralnebeln, Sonnen und Monden Analogien wieder, die ihrerseits nur eine wendeltreppenartige Fortsetzung aus der mikroskopischen Welt zu sein schienen. In der Biene zeigt sich am spielerischsten und - wie man trügerischerweise annimmt - auf friedlichste Weise das «kosmische Prinzip».

Wie ein Astronaut landet der Imker auf dem Bienenplaneten, im weissen Imkeranzug und mit einem an einen Florettfechter erinnernden Kopfschutz, als Verkörperung des anonymen Schicksals. Er tötet die Königin, die bis zu vier Jahren leben könnte, nach zwei Jahren und ersetzt sie durch eine neue, um die Bienenvölker stark zu halten; er erzeugt Kunstschwärme aus verschiedenen Völkern; er nimmt den Bienen den Honig ab, er füttert sie mit Zuckerwasser, wenn die Witterung für längere Zeit schlecht ist. Längst ist die Biene zum Haustier geworden, das sich nicht zähmen lässt, ein merkwürdiger metaphysischer Begleiter des Menschen, ein Summ-Geist, der «Bien», wie ihn der Bienenforscher Pfarrer Gerstung genannt hat.

Der Bien ist der Organismus, der sich aus allen Bienen eines Bienenvolkes zusammensetzt. Er hat kein bestimmtes Aussehen. Einmal im Winter, ist er eine Traube aus Insekten, dann wiederum kann er sich kilometerweit in alle Richtungen ausdehnen und kaleidoskopisch die bizarrsten Formen annehmen - ganz wie die Futtersuche erfordert. Es ist ein ungewöhnliches, in sich tanzendes und pulsierendes Tier aus frei beweglichen Körperzellen, das eher dem flüssigen oder gasförmigen Aggregatzustand zuzurechnen ist als dem festen.

Als vor fünf oder sechs Jahren der Imkermeister Zmugg mit seinem Sohn 40 Stöcke unmittelbar in der Nähe meines Hauses in Obergreith in der Steiermark aufstellte, beschäftigte mich gerade das Problem der wechselnden Perspektive im Roman, die es mir ermöglichen sollte, Hunderte kleine und grössere Geschichten miteinander zu verbinden. Ich wandte mich statt dessen aber den Bienen zu. Meine ersten eingehenden Erkundigungen holte ich über den Giftstachel ein: Mein Bienenwissen beschränkte sich zunächst auf ein absonderliches Expertentum für Schmerzen, Schwellungen und Juckreiz durch den Bienenstich, seine anatomischen, chemischen und physiologischen Grundlagen, sowie eine Sammlung drastischer Fälle 50 Stichen aufwärts, die - wie mir von Imkern versichert wurde - keine Seltenheit sind.

Der Bienenstachel besteht aus zwei spitz zulaufenden Borsten, die Widerhaken aufweisen. Durch Muskelzug und Hebelwirkung stösst er aus der Stechkammer des Hinterleibes, sägt sich in die Oberfläche des Widersachers und verankert sich mit den Widerhaken. Das ist auch gleichzeitig das Verhängnis der Bienen, denn beim Wegfliegen verlieren sie den ganzen Stachelapparat samt Nervenknoten und Giftblase und gehen innerhalb eines Tages an den inneren Verletzungen zugrunde. Die Haut des Menschen ist nämlich elastisch und zieht sich um die Zähnchen des Stachels zusammen. Anders wenn die Biene ein Insekt sticht, denn aus dessen Chitinpanzer kann sie ihren Stachel unbeschadet herausziehen.

Das Universum der Apis mellefica, der Honigbiene, ist voller kafkaesker Gesetze, voller Strafkolonie, Verwandlungs- und Prozessgeschichten, es wäre ein blutiger magischer Stoff für einen Bienenschriftsteller, könnten die Bienen schreiben.

Das Aussehen einer Biene wird umso grotesker, je mehr man ihr Abbild vergrössert. Ich habe mit dem Mikroskop Präparate von Bienenköpfen, dem Stechapparat und den Facettenaugen gesehen, denen mein nächstes Interesse galt. Mich erinnerten die Augen mit ihren sechseckigen Sehstäben an die Wabenform. Die Biene hat eigentlich fünf Augen, zwei seitliche und drei kleine auf dem Kopf zur Hell- und Dunkelwahrnehmung. Das Bienenauge hat weder Pupille noch Regenbogenhaut oder Linse. Kristallklare, kegelförmige Gebilde sammeln die Lichtstrahlen und leiten sie der Netzhaut zu. 5000 solcher Kiele bilden wie ein Bündel winziger Fernrohre jedes der beiden seitlichen Augen. Die Biene sieht, wie fast alle Tiere, eine andere Welt. Ihr Farbenspektrum ist vom langwelligen Rot zum kurzwelligen Violett hin verschoben. Sie sieht Rot statt Schwarz, Weiss statt Blau, und im Flug - mit gewöhnlich 200 Flügelschlägen in der Sekunde - besser als in Ruhelage, wenn sie auf ihren sechs Beinen steht. Nach unsern menschlichen Begriffen sind die Bienen taub, aber durch ihren sensiblen Tastsinn ist es ihnen möglich, Lautäusserungen wahrzunehmen. Auch können die Bienen schmecken und riechen - ihr Geruchssinn befindet sich auf den Fühlern, weshalb sie gleichsam plastisch riechen. Niemals soll man schwitzend oder stark alkoholisiert zu den Bienenstöcken gehen - andererseits kann man einen Bienenschwarm durch Rauch oder Nelkenöl «beherrschen». Benetzt man die Hände mit diesem Öl und nähert man sich dem offenen Stock, «weichen» die Bienen.

Langsam begann ich die Bienen für mich zu entdecken. Wie jedermann habe auch ich den geheimen Wunsch, mit Tieren zu sprechen. Zuerst las ich das wunderbare Buch «Aus dem Leben einer Biene» von Karl von Frisch, der die Bienensprache «entziffert» hat. Die Bienensprache ist keine Folge von Hieroglyphen in einem Pharaonengrab, sondern eine Körpersprache, mit der die Biene den Stock «tanzend» davon informiert, wo sie Nektar und Pollen gefunden hat. In der Dunkelheit des Stockes - die Biene als «Höhlenbewohner» erblickt bei ihrer Geburt die Dunkelheit der Welt - findet ein Sprachballett statt, dessen Bedeutung die Bienen über die Berührung und Teilnahme am Tanz verstehen. Mit einem «Rundtanz» benachrichtigt die Eintreffende ihre Artgenossen, dass sie eine bis zu 100 Meter entfernte Futterquelle, der Imker nennt sie «Tracht», entdeckt hat (indem sie sich zuerst linksherum und hierauf rechtsherum im Kreis dreht), mit dem «Schwänzeltanz» verkündet sie bis zu drei Kilometer entfernte Futterplätze (wobei zur Richtungsangabe der jeweilige Sonnenstand dient und der Hinterleib der Biene pendelartig ausschlägt, sobald sie die gerade Nahlinie zwischen zwei Halbkreisen, die sie beschreibt entlanggeht). Es ist dies ein so komplexes Kapitel und gleichzeitig ein so einzigartiges Kommunikationssystem, eine Art lebendiger Schrift (ähnlich wie Worte und Sätze in der Dunkelheit des Gehirns entstehen), dass es mich den ganzen Sommer über beschäftigte. Gleichzeitig fing ich an, mich mit der Blindenschrift zu befassen, dem Morsen von Hand zu Hand, dem Taubstummenalphabeth, den Flaggenzeichen und natürlich dem weiten Feld der Körpersprache bei Mensch und Tier. Nachdem ich das Buch von Karl von Frisch gelesen hatte, war ich überzeugt davon, durch eine gewaltige und undurchdringliche Eisdecke von allem, was ausserhalb des Menschen liegt, getrennt zu sein. Was wissen wir von den sprachlichen Vorgängen in Pflanzen, Steinen, einem Wassertropfen! In der Folge schaffte ich mir ein Dutzend Bücher über Bienen an und schaute dem Imkervater und seinem Sohn bei ihrer Arbeit zu. Ich las Wilhelm Rüdiger «Kulturgeschichte der Biene» (die historisch-soziale Darstellung der «Bienheit» aus Sicht der Menschen), Sterns «Bemerkungen über Bienen» und eine antiquarische Ausgabe von Maeterlincks «Das Leben der Bienen», ein wunderliches Werk. Es gibt zahllose Spekulationen um den Bienen-STAAT, das Bienen-VOLK.

Ein Vergleich zwischen menschlichen Gesellschaftsordnungen und dem Bienenstaat liegt nahe. Es wäre ein totalitärer Staat, ein kalter, mechanistischer Arbeits- und Gebärstaat, in dem jedermann, zu jeder Zeit und solange er lebt, seine «Pflicht zu erfüllen» hätte. Schopenhauer attackierte in seiner Schrift «Kopfverderber» Hegel, der «zu der empörenden Lehre gelangt, dass die Bestimmung des Menschen im Staat aufgehe - etwa wie die der Biene im Bienenstock; wodurch das hohe Ziel unseres Daseins den Augen ganz entrückt wird».

Es ist festzuhalten, dass die Honigbiene als einzelne zugrunde geht, wenn man sie von ihrem Volk trennt. In diesem Zusammenhang ist sie zwar ein Gemeinschaftswesen, aber kein Zoon politikon im Sinne des aristotelischen politischen Lebewesens. Bei Aristoteles hat der Staat ja eine positive Funktion, er will dem mit Spreche und Vernunft ausgestatteten Menschen bei seiner Verwirklichung helfen. Übrigens lässt sich diese Anlage nicht auf alle Bienenarten ausdehnen: Es gibt welche, die keine Gemeinschaft bilden. Zusammengehalten wird das «Volk» durch einen «Hemmstoff», der Pheremone enthält - hormonähnliche Substanzen, die die Königin kurze Zeit nach dem Schlüpfen in ihren Vorderkieferdrüsen erzeugt und mit dem Putzen auf ihren Körper überträgt. Man nimmt an, dass dieser Stoff vom «Hofstaat» im Volk stafettenartig verteilt wird. Der Grossteil des Staates besteht durch diese stille Post aus geschlechtlich verkümmerten Königinnen, den Arbeitsbienen (untereinander Schwestern) und ungefähr eintausend Drohnen (männliche Bienen), die - da sie sich nicht selbständig ernähren können - von den Arbeitsbienen gefüttert werden. Sie besitzen keinen Stachel und keine Organe oder Gliedmassen, mit denen sie Arbeit verrichten könnten. Der Bien, dieser fliegende Staatspolyp mit seinen Greifarmen, Saugnäpfen und Giftstacheln, hat in den Drohnen nur sein männliches Geschlechtsorgan entwickelt, in einer Art und Weise, die an Aldous Huxleys «Brave New World» und an Manipulationsmöglichkeiten in den gentechnischen Laboratorien denken lässt.

Wir sind schon tief in den Sexualmagnetismus des Bienenstaates eingedrungen, denn der hormonartige Stoff der Bienenkönigin verhindert auch die geschlechtliche Reifung der Arbeitsbienen. In einem gewissen Sinne macht er sie hörig. Der Staat der Bienen ist ein Gebilde, das sich aus sexueller Hörigkeit geformt hat und auf ihr beruht. Die Bienenkönigin hat darin die Rolle einer Witwe, deren Männer den Liebestod fanden, nachdem sie sich mit ihr auf einen ihrer Begattungsflüge begeben haben. Noch drei bis vier Jahre danach legt sie täglich ein- bis zweitausend Eier in die Waben - die Zahl hängt davon ab, womit sie von ihren «Ammen» gefüttert wird. Nach drei Tagen werden aus den Eiern Maden, nach weiteren sechs Tagen Puppen, und zwölf Tage darauf - also nach insgesamt 21 Tagen - schlüpfen die Jungbienen aus.

Mit der Beantwortung der Frage, woher die Königin ihre immense Legekraft nimmt, berührt man den tragikomischen Bereich der Bienenexistenz. Im Frühling, wenn Blütezeit ist, hat sich im Stock die grösste Anzahl von Bienen gebildet. Es ist Schwarmzeit. Da der Platz im Stock zu knapp geworden ist, zieht die Hälfte der Bienen wie eine heftig strömende Flüssigkeit aus - es kommt neben der geschlechtlichen nahezu gleichzeitig zu einer ungeschlechtlichen Fortpflanzung. Der Bien verdoppelt sich in einer Art Zellteilung. Bevor ein Teil der Bienen mit der alten Königin ins Freie stürzt und wie ein summendes Insektengehirn auf einem Obstbaum hängt (von dem es durch den Imker, der das Schwärmen am liebsten verhindert, mit einem Kasten wieder eingefangen wird), haben die Arbeitsbienen schon Vorsorge getroffen. 16 Tage vor dem Schlüpfen einer neuen Königin haben sie mehrere grössere Weiselzellen angelegt und die widerspenstige alte Königin (die ihren gewohnten Stock später verlassen muss) gezwungen, für Nachfolge zu sorgen. Die Maden und Puppen werden mit einem speziellen Saft aus den Kopfdrüsen der Arbeitsbienen, dem Gelée royale, gefüttert. Von den schlüpfenden Jungköniginnen wird nur eine einzige von einem «Hofstaat» umgeben, unverzüglich darauf werden ihre Schwestern von den Arbeitsbienen abgestochen. Die alte Königin hat den Stock längst verlassen, wenn ihre acht Tage alt gewordene Nachfolgerin - begleitet von einer Drohnenwolke - zum ersten Begattungsflug aufbricht. Der schnellste Drohn, der, weitab vom Standort, die Königin eingeholt hat, stülpt seinen grotesk grossen, gallertartigen Begattungsschlauch nach aussen, schnellt ihn mit der darin enthaltenen Samenmasse im Flug in die Königin und sinkt sterbend, da ihm beim Vorgang der Geschlechtsapparat abgerissen wird, zu Boden. Sofort stürzt sich der nächste Drohn auf die Königin, entfernt den Geschlechtsapparat des Vorgängers und vereinigt sich mit ihr auf dieselbe Weise. Die Königin wird fünf- bis zehnmal begattet. Acht bis zehn Millionen Samenfäden der Drohnen hat sie in ihrer Samenblase des Hinterleibes gespeichert. Aus befruchteten Eiern, die nicht grösser als ein Kümmelkorn sind, werden Arbeitsbienen, aus den unbefruchteten - Drohnen. Die Drohnen haben daher keinen Vater, aber einen Grossvater, eine Grossmutter, zwei Urgrossmütter und einen Urgrossvater. Während eine Arbeitsbiene, die einen Grossvater, zwei Urgrossväter und drei Urgrossmütter hat, in den Sommermonaten 35 bis 50 Tage lebt (im Winter aber sieben Monate), dauert das Leben einer Drohne bis zu fünf Monaten. Im August ereignet sich die «Drohnenschlacht». Es ist ein seltsamer biologischer Vorgang. Der Bien trennt sich von seinem männlichen Geschlechtsteil - er entmannt sich geradezu. Die Bienen bereiten sich nämlich, nachdem nichts mehr blüht, darauf vor, dass sie vom eingebrachten Honig leben müssen. Bemerkenswerterweise haben die Sommerbienen, die ihre Nachfolger, die Winterbienen, nie zu Gesicht bekommen, diesen gesammelt und dafür ihr Leben beträchtlich verkürzt. Nun befreien sich die Bienen also von den «überflüssig» gewordenen Essen. Eines Tages wird den Drohnen die Nahrung verweigert, und sie werden aus dem Stock gedrängt. Da sie keinen Stachel haben, können sie sich nicht wehren. Besonders hartnäckige werden abgestochen. Es folgt eine Festmahlzeit für Vögel und Igel, die in diesen Tagen in der Nähe der Bienenstöcke anzutreffen sind. Bald darauf hält der Bien den Winterschlaf.

Die Arbeitsbienen haben bis zu ihrem Tod die vielfältigsten Aufgaben zu erfüllen.: das Reinigen des Stockes und das Wegräumen von Bienenleichen, das Füttern der Larven, den Wabenbau, den Wach- und Sammeldienst. Beim Wabenbau wird das Wachs von acht aus mehreren tausend Zellen bestehenden Drüsen unter den Bauchschuppen des Chitinpanzers produziert und in kleinen Plättchen ausgeschwitzt. Für ein Gramm Wachs werden mehr als 1000 solcher Plättchen benötigt. Zum Wabenbau haken sich die Bienen, ebenso wie sie einen Schwarm bilden, mit den Vorder- und Hinterbeinen ineinander und geben das Wachs mit dem Rüssel weiter.

Während der Aufzucht einer Larve erhält eine Zelle 3000 und mehr Besuche von den pflegenden Bienen. Karl von Frisch aber schreibt: «Das Sprichwort vom Bienenfleiss ist aufgekommen, weil man gewöhnlich nur die sammelnden Bienen sieht. Wer auch das Leben im Innern des Stockes betrachtet, wird bald erkennen, wie viel Zeit dem Nichtstun gewidmet ist.»

Ihren Ruhm verdanken die «königlichen» Bienen, deren Bild die Pharaonen als Zeichen ihres Herrschertums über Oberägypten zum Symbol erhoben und Napoleon in seinen und Josephines Krönungsornat sticken und überall - auf Möbeln, Tapeten und in kunstvollen Intarsien - als sein Herrschaftszeichen anbringen liess, ihren Ruhm verdanken die Bienen der Bestäubung der Pflanzen, das heisst der Übertragung des männlichen Samens, des Pollens, auf das weibliche Geschlechtsteil einer Blüte, der Narbe.

Da die Biene immer dorthin fliegt, wo sie die meiste Blütentracht findet, ist sie das ideale Bindeglied zur Bestäubung von Pflanzen einer Art. Die Biene macht das, wenn man so will, unbewusst: Sie wird vom Blütenstaub, den sie mit den Hinterbeinen als Futter zur Aufzucht der Brut sammelt, und dem Nektar, einem Zuckerwassertropfen, der von den Pflanzen in unterschiedlichen Farben, Geschmacks- und Geruchsvariationen angeboten wird (weshalb sich auch die Honigsorten unterscheiden), angelockt.

Der Honigmagen der Biene ist nicht grösser als ein Stecknadelkopf.

Eine Biene wiegt 80 Milligramm und bringt von einem Flug bis zu 50 Milligramm Pollen, also das halbe Körpergewicht, mit. Auf Kleeblüten sind 1500 Besuche notwendig, bis ein Bienenmagen gefüllt ist, aber eine Biene muss 60mal ihren Magen leeren, wenn sie nur einen Fingerhut Nektar sammeln will. Man nimmt an, dass 20'000 Bienenflüge notwendig sind, um einen Liter Nektar einzubringen. Aus einem Liter Nektar werden aber nur 150 Gramm Honig gewonnen. Ein Kilogramm Honig ist demnach die Lebensarbeit von 6000 Bienen.

Der frisch eingetragenen Nektar wird an die Stockbienen verteilt und von ihnen durch wiederholtes Auswürgen in kleinen Tropfen der warmen Stockluft ausgesetzt, wobei das Wasser verdunstet. Es dauert Tage, bis aus dünnflüssigem Nektar haltbarer Honig entsteht, der in den Waben gespeichert und mit Wachs verdeckelt wird.

Der Waldhonig hat etwas vom Zauber des Königs Midas: Es ist die Verwandlung von Exkrementen in Honig. Hier hat die Natur dem lustvollen Schlucken, Verdauen und Ausscheiden eine Narrenkrone aufgesetzt. Wenn man der Literatur Glauben schenken darf, findet man auf einer Tanne bis zu sieben Kilo Honigtau, wie die süssen Exkremente der Blattläuse in der Imkersprache genannt werden. Man kann sie mit freiem Auge als silberne Spur erkennen. Die Biene saugt den Honigtau auf und erzeugt durch oftmaliges Erbrechen, Wiederschlucken und Ausspucken unter Beimengung eigener Fermente schliesslich den Waldhonig.

Propolis ist das Kittharz der Bienen. Die Bienen verwenden es zum Abdichten der Stöcke und gewinnen es aus dem Harz der Bäume. Ausserdem dient es den «Leichenbestattern» unter den Arbeitsbienen zur Mumifizierung von in den Stock eingedrungenen Mäusen, die zuerst abgestochen und anschliessend mit Kittharz einbalsamiert werden. Die Bienen verabscheuen nämlich den Fäulnisgestank. Auch in der Medizin wird Propolis wegen seiner entzündungshemmenden Wirkung angewandt, besonders gegen Zahnschmerzen, Warzen und - mit Wasser versetzt - zur Ausnüchterung, was - wie ich nach einem dramatisch verlaufenen Selbstversuch bestätigen kann - tatsächlich hilft.

Der Bienenzüchter erinnert an den ausgestreckten Finger des Schöpfers auf Michelangelos Darstellung in der Sixtinischen Kapelle: So berührt er als verletzbares und sterbliches Wesen die ihm ausgelieferten Bienen. Durch den Imker ist die Biene eine andere geworden als zuvor als Wildbiene. Sie könnte ohne ihn nicht mehr existieren: Unwissentlich ist sie in eine Art Leibeigenschaft gelangt. Wegen der Monokulturen fände sie nur einmal im Jahr eine riesige Blütenmenge vor, die sie in der kurzen Zeitdauer der Blüte aber nicht bewältigen könnte und als Nahrung für das restliche Jahr nicht ausreichen würde.

Um die Bienen am Leben zu erhalten und genügend Honig zu gewinnen, müssen die Imker wandern. Sie verladen die Magazine mit ihren Völkern und fahren in der Nacht oder bei anbrechendem Morgen als summender Bienenzirkus im April der Obstbaum- und Löwenzahnblüte nach, später dem blühenden Raps, den «Akazien» (richtig: Robinien) und im Juli den Edelkastanien. Zuletzt bringen sie die Bienen in den Wald. Ich habe mehrmals gesehen, wie die Magazine weggefahren wurden und Bienen, die bereits ausgeflogen waren, zurückkamen und ihr «Wohnhaus» nicht mehr vorfanden. Wie irrsinnig suchten sie an der gewohnten Stelle nach den Magazinen, bis sie vor Erschöpfung in das Gras fielen und im Kreislauf der Natur endeten, in dem es kein Ende gibt. Dieses Ende könnte sich jedoch aus anderen Gründen abzeichnen. Bei den Bienen ist es vor allem das unaufhaltsame Vordringen der Varroa jacobsoni, das sie bedroht. Als Reittier sitzt sie der Biene im Nacken oder auf dem Hinterleib und durchsticht den Chitinpanzer, um sich von der Blutflüssigkeit zu ernähren. Zur Eiabgabe dringt sie dann in eine kurz vor der Verdeckelung stehende Brutzelle. Die meisten europäischen Bienen sind von ihr befallen, und man kann nur darauf vertrauen, dass noch kein Parasit seinen Wirt ausgerottet hat, weil er damit ja selbst zugrunde ginge...

Welche Folgen hätte ein Aussterben der Bienen? - Viele Pflanzen sind nicht in der Lage, sich ohne Hilfe des Windes oder von Insekten zu befruchten. Der Grossteil der Obstbäume ist nicht imstande, sich selbst zu bestäuben. Die Bienen bestäuben mehr als 80 Prozent der Insektenblüher. Es gibt zahlreiche Versuche, die sich mit den Folgen befassen, wenn die Bestäubung durch die Bienen ausbliebe. Tatsächlich würde die Obsternte auf ein Drittel bis ein Fünftel zurückgehen. Man schätzt, dass in den Monaten Mai und Juni ein einziges Bienenvolk zwei Millionen Blüten pro Tag aufsucht und bestäuben kann.

Je länger ich mich mit den Bienen beschäftigte, desto weniger begriff ich sie als Denkanalogie - um so mehr erkannte ich in ihnen den Fortpflanzungsstaat. Sein Zweck besteht in der Drehung der Endlosschleife mit der Inschrift: Die ewige Wiederkehr des Neuen.

Früher war die Honiggewinnung unweigerlich mit der Zerstörung des Baus und oft der Vernichtung des ganzen Bienenvolkes verbunden. Korbimker konnten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zum Beispiel ihren Honig nur dann einbringen, wenn sie die Völker durch Abschwefeln, Abtrommeln oder Abstossen aus dem Korb entfernten und den festen Wabenbau herausbrachen. Die Wildbienen in den Wäldern wurden stets ausgeräuchert, verbrannt, vertreiben, ihr Bau wurde mit Eisenwerkzeugen vernichtet, und immer kam der Mensch mit Feuer und Schwert und der Gesichtsmaske des Mörders.

Eines Tages in der Schwarmzeit nahm der Bienenzüchter, Herr Zmugg, den ich bei seiner Arbeit beobachtet hatte (die er stets ohne Imkeranzug und Imkerhut verrichtete), einen Lockenwickler zur Hand, steckte die Bienenkönigin hinein und liess das Bienenvolk auf sich Platz nehmen. Ich dachte, er umarmt den Bien. Ein Teil der Bienen schwärmte sirrend in der Luft, ein Teil bildete eine Traube auf seinen Beinen nieder. Ich sah - ohne es zu wissen - das Schlusskapitel meines Romans, aber ich begriff, dass mein Buch ein Organismus aus frei fliegenden Zellen wie der Bien sein würde. Die Natur ist nur ein anderes Wort für Zusammenhang, dachte ich, sie ist nicht das tote Präparat unter dem Mikroskop, nicht die Ratte auf dem Setziertisch oder die anatomische Zeichnung in einem Biologielehrbuch. Unsere Vorstellung von Natur beruht auf einer toten Natur. Die Natur ist ein unendliches Geflecht, ein Zusammenhangsknäuel, ein lebendiger gordischer Knoten, dessen Fäden sich nur mit Gewalt voneinander trennen lassen.

Herr Zmugg sass da wie ein Wanderer aus den Gefilden des Gartens Eden. Keine Biene stach ihn. Für kurze Zeit existierte die Utopie der Wesensgleichheit von Mensch und Tier, und - als gäbe es unversehens eine neue Sprache, ein neues Denken - es herrschte Friede.

GERHARD ROTH, geboren 1942 in Graz / Österreich, ist Theater- und Drehbuchautor, Romancier und Essayist. Er studierte Medizin und Mathematik und arbeitete als Programmierer und Organisationsleiter im Rechenzentrum Graz, seit 1976 ist er freier Schriftsteller. Bereits sein erster Roman "die autobiographie des albert einstein" (1971) schlägt ein Hauptthema seines Schaffens an: die vergebliche Bemühungen des Helden. In seinem Opus magnum, den 7 Bücher umfassenden "Archiven des Schweigens", untersucht Roth die historischen, politischen und sozialen Aspekte der österreichischen Vergangenheit und ihre Auswirkungen auf die Gegenwart.

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